Horsegirl

Was, wenn alles um dich herum falsch ist und jeder Teil der Verschwörung gegen dich ist?

Spoiler Alert: Ich gehe hier auf die Handlung ein, wer den Film selber sehen möchte, liest den Artikel besser erst hinterher.

Der Film Horsegirl (aktuell auf Netflix zu sehen) zeigt erst langsam und dann mit steigendem Tempo den Ausbruch von Schizophrenie bei einer jungen Frau namens Sarah (genial gespielt von Alison Brie). Wunderbar sieht man: Eine Entwicklung verläuft nie linear, sondern parallel und unvorhersagbar verläuft, so viele Dinge sind miteinander verbunden.

Zuerst lebt sie ein unscheinbares Leben als Mauerblümchen in einer WG ohne Partner oder wirkliche Freunde, dafür als zuverlässige Kollegin in einem kleinen Geschäft. Sie geht öfter zum Reiten und kümmert sich um ein Pferd, welches am selben Tag Geburtstag hat, wie sie.

Der Ausbruch der Schizophrenie beginnt ganz langsam mit einer Szene, als der Partner der Mitbewohnerin nachts etwas in der Küche trinkt und Sarah wie zur Säule erstarrt in der Küche steht, das Gesicht nur wenige Zentimeter von der Wand entfernt. Der junge Mann denkt sich erstmal nichts dabei.

Die Mitbewohnerin möchte Sarah verkuppeln und organisiert ein Date, den Mitbewohner Ihres Partners -> Darren (so heißt zufällig der Hauptdarsteller ihrer liebsten Serie, was später wichtig ist). Darren ist noch nicht über seine letzte Beziehung hinweg und es folgt ein wilder Abend mit Marihuana und Alkohol.

Sarah verliebt sich in Darren und wacht am nächsten Morgen nach einem bizarren Traum total verkatert auf. Ihre Mitbewohnerin hatte die Wohnung verlassen, um Sarah Freiraum zu geben und findet morgens dann seltsame Kratzspuren an der Wand (als hätte ein Tiger an der Wand gekratzt). Auch sie denkt sich dabei noch nichts weiter und schimpft mit Sarah, dass der Vermieter doch Ärger macht, wenn sie die Kratzer nicht sofort reparieren lässt.

Sie geht zur Arbeit und hat plötzlich Nasenbluten und ihr fällt ein Mann auf, der in dem bizarren Traum auftauchte und ihre Neugierde weckt. Sarah besucht später eine Freundin, die bei einem gemeinsamen Ausritt einen Unfall hatte und mit Amnesie und Anfällen als Folge des Unfalls zu leiden hat.

Ab hier nimmt die Entwicklung deutlich Tempo auf und Sarahs Verhalten wird immer seltsamer.

Ihr Auto wird scheinbar gestohlen, der Abschleppdienst hat ihren Wagen aber mit Zündschlüssel und ohne Beschädigung und leerem Tank gefunden und abgeschleppt. Ihr Stiefvater kompensiert mangelndes Einfühlungsvermögen mit Geld und Hilfe beim abgeschleppten Auto und stiehlt sich dann schnell wieder aus der Affäre. Sie hört fremde Stimmen, auch wenn ihre Mitbewohnerin nicht zu Hause ist.

Es werden zahlreiche Dinge von Beginn des Films eingewoben. So glaubt Sarah irgendwann, dass Sie von Aliens geklont wurde (Ein Plot aus ihrer Lieblings-Serie kombiniert mit dem wütenden Gerede eines Obdachlosen) und eigentlich ihre Großmutter ist. Nach einem Date mit Darren versucht sie ihn dazu zu bringen, die Großmutter auf dem Friedhof aus zu graben um einen DNS Test machen zu können.

Die Musik im Hintergrund verändert sich gemeinsam mit Sarahs Erlebnissen und je bizarrer Sarahs Verhalten wird, desto bizarrer wird auch die Musik.

Am Ende schneidert sich sich Sarah ein passendes Kleid und schminkt sich um exakt so auszusehen, wie ihre Großmutter auf einem Foto in ihrer Wohnung aussieht. Sie stiehlt das Pferd und geht in den Wald, um sich von den Aliens abholen zu lassen. Die Lichter des Raumschiffes sehen genauso aus, wie das Hades Mal, welches als Plot in ihrer Lieblings-Serie auftaucht.

Der Film zeigt die Entwicklung exakt so, wie auch Arno Gruen das Leiden eines Schizophrenen beschreibt. Sarah ist eigentlich eine liebe und freundliche junge Frau, die durch den Druck und fehlende Empathie ihres Umfelds ankämpft und in dem Zuge ihr „ich“ verliert -> Das symbolische Abholen durch die Aliens.

Ihre Kollegin zeigt Ansätze von Empathie, verweist dann aber auf Ärzte. Der Arzt, der ihr Nasenbluten behandelt, rät ihr, zum Psychiater zu gehen, was sie natürlich abschreckt.

Ihre Mitbewohnerin will sie durch Verkuppeln glücklich machen, ihr Stiefvater kann nur mit Geld helfen. und ihre damalige beste Freundin hat einen Hirnschaden nach dem Unfall. Ihre Mutter hat sich umgebracht und die Großmutter kam in eine Heilanstalt, da sie mit den Wänden geredet hat.

Ein drastischer Blick in den Spiegel der westlichen Gesellschaft, in der statt echtem Einfühlungsvermögen oft nur mit dem kognitiven Verstand „gefühlt“ wird und das Ego bzw. die Angst des Einzelnen den Umgang miteinander bestimmt.

Auf Netflix wird der Film als Drama bzw. Independent Movie eingestuft, bei Google findet man auch das Wort Horrorfilm. Ich ordne es als eine Art Tragödie ein, da niemand erkennt bzw. fühlen kann, was Sarah durchmacht und sie so in einem Identitätsverlust endet. Auch wenn in der Tragödie der Protagonist der Hybris verfällt, gibt es auch hier eine Katastrophe (Marihuana und Alkohol), nur kann Sarah ihr Verhalten gar nicht einstufen bzw. reflektieren, ist allein und verschwindet…